Luiz Miranda: «Und er landete in Beromünster»

Eine Lebensgeschichte
Er hat weder Handy noch PC, macht Freiwilligenarbeit und lebt im Stift Beromünster. Geboren in Brasilien, auf vielen Stationen – mit intensivem Studium in São Paulo, Paris und Rom – kam er als 30-jähriger in die Schweiz und wurde im Aargau zum Priester geweiht. Luiz hatte auch eine schwierige Hürde zu bewältigen! Nun ist er im Ruhestand und gestaltet reichhaltige Tage für sich und Bedürftige.
Der junge Luiz
Er ist Sohn spanischer Migranten. Die ganze Familie floh 1954 aus Granada, Spanien nach Brasilien, aus Angst vom Regime Franco. Schon bei der Überfahrt mit dem Schiff war die Mutter von Luiz schwanger und gebar im März 1955 Luiz, ihren ersten Sohn. Die ganze Grossfamilie Miranda war stehts zusammen, wohnten im gleichen Haus mit Grosseltern, Eltern, Onkel, Tante und Kinder in der Nähe von São Paulo. Sie gaben einander Halt und Zuversicht. Der Vater vom kleinen Luiz arbeitete zuerst auf einer Bananenplantage und später in der Liftfabrik Atlas (diese Fabrik wurde dann später von Schindler übernommen).
Als 7-jähriger kam Luiz in die Primarschule und anschliessend in die Sekundarschule. Sprachen, das war sein Ding. Nach seiner obligatorischen Schulzeit – als 15-jähriger – beherrschte er schon vier Sprachen in Wort und Schrift (Spanisch, Portugiesisch, Französisch und Italienisch). Viel später kamen dann noch Latein und Deutsch hinzu. Also ein richtiges Talent, das von den späteren höheren Schulen in Brasilien erkannt und weiter gefördert wurde.
Es folgte eine höhere Abendschule über 4 Jahre im Zentrum von São Paulo (heute ca. 20 Mio. Einwohner!). Diese Schule war sehr teuer. Tagsüber musste er sein Schulgeld verdienen als «Bankboy» (Mädchen für alles in einer Bank) und als Übersetzer in diversen Büros. Das Schreiben mit der mechanischen Schreibmaschine hat er sich selbst beigebracht. Seine Hauptarbeit wurde das Übersetzen von Büchern für zwei verschiedene Verlage (von Italienisch und Französisch zu Portugiesisch und Spanisch). Sein Arbeitslohn war damals mehr als doppelt so hoch, wie derjenige von seinem Vater. Die Arbeits- und Schulzeiten waren sehr fordernd. Arbeiten am Tag von 9–17 Uhr, Schule am Abend von 18:30-21 Uhr. Am Wochenende hat Luiz zusätzlich, fast fanatisch, noch ein Selbststudium gemacht in Humanistik (Philosophie, Sprache, Literatur, Menschen, Bildung und Werte).
Luiz wählt einen besonderen Weg
Als 19-jähriger kann Luiz an der Universität São Paulo studieren. Zugang bekam er nach harten Prüfungen und einer Selektion. Die Universität war für ihn ein lang ersehntes und grosses Ziel. Das Studium beinhaltete Philosophie und Linguistik (Sprachwissenschaften). Das war auch die Zeit, wo Luiz näherkam ans Thema Religion. Entsprechende Liturgie, das Wort Gottes und die Bibel fanden sein Interesse. Nach 4 Jahren schloss er die Uni ab mit dem Lizenziat, das noch ein weiteres Jahr dauerte.
Seine Kollegen fragten ihn: «Hast du keine Freundin?».
Paris, Rom und Weichenstellung
Luiz war inzwischen 24 Jahre alt und wagte einen grossen Schritt. Für 1 ½ Jahre konnte er an der Universität Sorbonne in Paris studieren. Hier der Schwerpunkt (nicht christliche) Literatur (Sprachwissenschaft von Latein, Französisch und sogar Arabisch). Zeitweise kam auch Geschichte mit dazu. Er wohnte in der Nähe der Uni in einem kleinen Studio. Paris schloss Luiz ab mit dem Doktorat!
In der französischen Metropole besuchte er oft den Gottesdienst in der nahen Notre Dame. Hier lernte er zwei portugiesische Pauliner kennen. Somit kam grosses Interesse am Pauliner Orden in sein Leben, das immer christlicher wurde.
Nun folgte ein halbes Jahr «Innehalten» und kennenlernen der grossen Welt. Er machte Reisen mit dem Zug und zu Fuss in Frankreich und Spanien. In Madrid besuchte er die Pauliner. Später besuchte er in Barcelona das katholische Kloster Montserat. Dort kam bei ihm zum ersten Mal der grosse Wunsch katholischer Priester zu werden. Nach Barcelona folgte noch Granada. Dort hatten seine Eltern und Verwandten vor der Flucht nach Brasilien gelebt. Hier waren seine Wurzeln.
Es kam wieder die Zeit für seinen weiteren Lebensweg. Er reiste nach Rom und studierte 4 Jahre Theologie in einer Benediktinerschule. Davor aber noch ein Jahr Noviziat in einem Pauliner Kloster. «Kennen lernen von sich selbst und den strengen katholischen Grundsätzen wie Zölibat, Gehorsam und Bescheidenheit». Privat stand er in Rom auch dem Pauliner Orden nahe und hat sogar dort gewohnt.
In der Benediktinerschule waren auch Doktoranden aus der Schweiz. Einer empfahl ihm, in die Schweiz zu gehen, wegen den vielen Sprachen und Gastarbeiter aus Italien, Portugal und Spanien. Nun stand er vor einer wichtigen Weichenstellung: Zum Pauliner Orden oder als katholischer Priester in eine Schweizer Diözese? Er entschied sich für die Schweiz, ein Land, das er in seinen jüngeren Jahren gar nicht kannte. Die Schweiz war vorher nie auf seinem Plan!
Schweiz, Priesterweihe und christliche Arbeit
1986 war Luiz 31 Jahr alt. Er reiste von Rom nach Fribourg zum weiteren Studium in Theologie an der Universität. Darauf folgte Luzern mit dem Priesterseminar und die Weihe zum Diakon. Seine erste Stelle fand er in der Stadt Biel in der Kirche St. Maria. Endlich: Im Juni 1987 wurde Luiz mit 32 Jahren in Döttingen, Kanton Aargau durch Bischof Otto Wüest zum katholischen Priester geweiht.
Nun, als frisch gebackener Würdenträger fand er eine Anstellung für 3 Jahre als Vikar in Moutier im damals bernischen Jura. Danach folgte ein Jahr Luzern. Hier konnte er eine portugiesische Mission aufbauen, was ihm bestens gelang.
1991 wurde er wieder für 5 Jahre in den Jura berufen als Spitalpfarrer nach Porrentruy JU. Dort wohne er in einer kleinen Angestelltenwohnung beim Spital.
In dieser Zeit kam ein grosser gesundheitlicher Schlag. Im Spital Basel fanden sie bei Luiz einen Hirntumor. Es folgten Operationen und langsame Genesung über 6 Monate. Anschliessend kamen auch unangenehme gesundheitliche Folgen, die sein Leben bis heute stark verändern und auch einschränken. «Es war und bleibt ein richtiger Einschnitt. Unerwartet hart.»
Dies zog eine Versetzung in die St. Ursen Kathedrale in Solothurn nach sich. Ab 1996 bis 2000 bekam er da eine Stelle als Vikar.
Schliesslich arbeitete er auch noch weitere neun Jahre im Berner Oberland, als Vikar in Interlaken und den umgebenden Touristenorten Lauterbrunnen, Grindelwald, Mürren und Wengen.
Landung in Beromünster
2009 landete er nicht auf dem Flugplatz, sondern im Stift. Hier lebt er seither in einem hübschen Haus, nahe der stattlichen Kirche. Eigentlich zu früh für den Ruhestand, aber die Gesundheit wollte nicht mehr richtig hochfahren.
Wer hätte gedacht, dass ein Brasilianer je einmal in Beromünster seinen
Ruhestand verbringen wird?
Es gab hier in der Region auch immer reichlich christliche Arbeit. Messe feiern in Eich und Sempach sowie im Gormund. Das war sein Einsatzgebiet. Seit einiger Zeit kann er aus gesundheitlichen Gründen keine Messen mehr feiern, was er sehr bedauert. Schade, aber es ist halt so. Das Leben macht manchmal komische, ungewollte Kurven.
Freiwilligenarbeit und Interesse
Gerne unterstützt er weiterhin beeinträchtigte ältere Personen. Er geht für sie einkaufen, kocht das Mittagessen oder Nachtessen und leistet etwas Gesellschaft. Toll, seine Einstellung zu unseren Mitmenschen, die es nicht so gut haben.
In seiner Freizeit reist Luiz gerne mit dem GA durch die Schweiz. Besucht seine alten Wirkstätten. Frühere Freunde hat er nicht mehr viele. Die sind halt schon gestorben, wie er sagt.
Das Interesse an allem ist aber ungebrochen gross. Bücher, Menschen, Natur begeistern ihn sehr.
Das ist auch speziell: Seine Eltern leben immer noch in São Paulo. Mutter 88, Vater 92 Jahre alt. Jetzt in diesen Wochen fliegt Luiz wieder mal nach Brasilien zum Unterstützen seiner betagten Eltern.
So lernte ich Luiz kennen
Wir trafen uns zufällig im Bus von Beromünster nach Luzern. Er war auf dem Weg zu einem Freund, den er unterstützt mit freiwilligem Wirken. Später habe ich ihn mal besucht in seiner Wohnung in Beromünster. Hunderte Bücher in Regalen den Wänden entlang, geben seinen Wissensschatz preis. Ich durfte ihn auch zweimal begleiten auf Reisen in den Jura und nach Fribourg zu seinen alten geistlichen Bildungs- und Dienstorten. Gerne wünsche ich Luiz weiterhin alles Gute und freue mich auf unseren nächsten Schwatz.
Übrigens: Luiz hat ja kein Smartphone und keine E-Mail-Adresse. Dies zwingt mich, statt WhatsApp, mal einen Brief oder eine Karte zu schreiben. Eine schöne Erfahrung!

15.März
2026
Von Sepp Schuler


















